Daily Drawing (and Writing)

Im Mai, wenn die Natur explodiert, entwickelt sich auch manches zarte Pflänzchen der Kreativität 

Eine neue Challenge? Her damit!

Als hätte ich zu wenig zu tun! Aber die Versender der Newsletter wissen schon, womit sie mich kriegen. Levi’s: 20 Prozent Rabatt. Ich bestelle, trotz dieser britischen Studie, in der herausgefunden wurde, dass mit 53 Jahren definitiv das Jeans-Alter überschritten sei. Camper: Neue experimentelle Schuhkollektion mit noch lauter schreienden Farben und noch ungewöhnlicheren Materialkombinationen. Gewagt, gewagt, aber ich als „bunter Vogel“ kann das bestimmt tragen (leider wieder eine Retoure mehr). The Big Draw: „Draw every day in May“ mit Marigold Palmer-Jones. Here I am!

Vom 1. bis zum 31. Mai fertigte ich jeden Tag eine Zeichnung an, die ich in eine geschlossene Facebook-Gruppe und auf Instagram postete. Auf diesen Plattformen wurde auch mit den Co-Drawern diskutiert. Außerdem gab es drei Mal pro Woche Live Sessions mit der Veranstalterin. 

Das tägliche Zeichnen war nichts Neues für mich. Ich bin es gewohnt, da ich seit Januar 2020, als ich meinen neuen „Jahresweiser“  begann, zu meinen täglichen Notizen auch eine kleine Zeichnung hinzufüge. Der Jahresweiser ist ein besonderes Tagebuch, denn er erstreckt sich über einen Zeitraum von 10 Jahren. Auf jeder Seite befinden sich 10 Tage mit demselben Datum (Tag und Monat), aber unterschiedlichen Jahren. Wenn ich mit einem Jahr fertig bin, muss ich von vorne anfangen. So sehe ich jeden Morgen, was am selben Tag in den Jahren zuvor passiert ist. Für meine Zeichnung suche ich unter den bedeutsamen Ereignissen des Vortages natürlich dasjenige aus, das mir halbwegs zeichenbar erscheint. Manchmal ist das eine Person, die ich getroffen habe, jemand, der gestorben ist, oder ein Baby, das geboren wurde. Manchmal nur unser letztes Abendessen. Ich zeichne neue Dinge, die wir gekauft haben, das neue Haus, in das wir umgezogen sind, Ereignisse, Feiertage, Pflanzen, Tiere, Emotionen und so weiter.

Normalerweise sind diese Zeichnungen und Texte nur für meine eigenen Augen bestimmt. Gelegentlich zeige ich meiner Frau oder meinen Kindern etwas davon. Die Herausforderung der Daily Drawing Challenge mit Marigold war für mich nicht unbedingt das Zeichnen selbst, sondern die Tatsache, dass ich meine Zeichnungen teilen sollte. Da ich meinen Leserinnen und Lesern (so denn ein Mann dabei war …), mit wenigen Ausnahmen aus dem britischen Sprachraum, auch die Story behind erzählen wollte, musste ich englische Texte schreiben. Und das wollte ich ohne größere Hilfe eines Übersetzungstools bewerkstelligen. Den Google-Übersetzer habe ich dann benutzt, um meine englischen Texte ins Deutsche rückzuübersetzen und so zu vermeiden, dass ich totalen Blödsinn schreibe.

Die eigentliche Challenge: Posten

In den ersten Tagen habe ich noch munter drauflosgezeichnet und -gepostet. Dann erschienen mir meine Zeichnungen plötzlich ein bisschen zu ungelenk, weshalb ich hin und wieder Vorzeichnungen anfertigte. Meine Zeichenzeit erhöhte sich von 10 Minuten am Anfang auf 20 Minuten. Ich stellte fest, dass die Zeichnungen selbst zwar auch und sogar oft geliked wurden (danke dafür!), aber die Stories um die gezeigten Dinge kamen noch besser an. Am Tag nach dem Ende der Challenge bastelte ich aus meinen Zeichnungen und Texten ein Booklet in der Größe 40 x 55 mm, das du hier als PDF herunterladen kannst:

Download Booklet „Mai 2022 auf 2 cm“ (1,8 MB)

Das tägliche Zeichnen ist eine Gewohnheit, die ich sehr empfehlen kann. Zeichnen bringt einen in eine gute Stimmung, man war bereits am frühen Morgen mit einem überschaubaren Aufwand produktiv und wenn man das wie ich als Aufhänger für ein Tagebuch nimmt, kann man sich noch jahrelang an den oft lustigen Scribbles erfreuen.

Kinder unterwegs – gestern und heute

1975

2022

© Jörg Scholz 2022

Meine eigene Kindheit 

Meine Eltern haben mich selbstverständlich nie in einem Tragetuch getragen (auch nicht als Baby) und nie im Kindersitz auf dem Fahrrad transportiert. Ich sollte früh selbst laufen, was man damals mit einem Hilfsmittel namens „Gehfrei“ beschleunigen wollte. Ich wurde geboren, bin ein bisschen durch meine Geburtsstadt Grevenbroich gerobbt, ein paar Tage gekrabbelt und dann ging es schon auf meinen eigenen zwei Füßen los. Wenn ich von meinen Eltern irgendwohin gebracht werden musste (zum Beispiel zum Dorfarzt Dr. Zerhak), dann geschah das mit unserem grauen Ford 20 m, und meistens rauchten sie dabei. Zur Schule haben sie mich nie begleitet, abgesehen von meinem allerersten Schultag, da bin ich zusammen mit meinem Vater gelaufen. Vielleicht wollte ich das alles genau so. Vielleicht musste es auch sein, aus Zeit- oder Geldmangel. Bei meinem Vater, der in den 1930er Jahren im damaligen Schlesien aufwuchs, soll es so gewesen sein, dass seine Mutter ihre 11 Kinder nebenbei bei der Feldarbeit bekommen hat (sie hatten einen Bauernhof) und die Neugeborenen quasi sofort mithelfen mussten. Das prägt natürlich. Doch zum Glück hatte sich mein Vater eine gewisse Sanftheit bewahrt. Ursprünglich hatten meine Eltern es so geplant, dass ich immer weiter laufen sollte, aber ich machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Ich lieh mir das Fahrrad von einem Nachbarsjungen und lernte Radfahren. Dann konnte ich das, übte Druck auf meine Eltern aus und bekam tatsächlich einen eigenen Drahtesel, wie man das Zweirad damals liebevoll nannte. Der war gebraucht, aber er fuhr. Und so fuhr ich überallhin, tat, was zu tun war und bekam eines Tages eigene Kinder.

Das Tragetuch als Ausdruck von Männlichkeit

Paula wurde 2005 geboren. Wir hatten einen Oldtimer-Kinderwagen ersteigert, der richtig gut gefedert war, und am Anfang schoben wir Paula damit den ganzen Tag lang kreuz und quer durch Köln. Immer wieder wurden wir auf den Wagen angesprochen, z.B. ob er „original retro“ sei. Das hat uns bald genervt. Wir wollten aber lieb und entspannt sein, wenn wir mit unserer ersten Tochter unterwegs waren, sodass wir uns etwas anderes einfallen lassen mussten. Einer dieser schicken Boogaboos kam aus Budgetgründen nicht in Frage, einen billigen Wagen wollten wir aber auch nicht. Und so überraschte ich Aline, meine Frau, an ihrem Geburtstag mit einem Babytragetuch. Und nicht nur das: Ich selbst trug Paula daraufhin bei jeder Gelegenheit im Tuch. Das war damals keine Selbstverständlichkeit. Die Kölner Bevölkerung kam damit nicht so gut zurecht. Ältere Damen machten sich zum Beispiel Sorgen, das Kind könne ersticken. Oder der Knoten (den ich eigens in einem Workshop gelernt hatte), würde sich lösen. Und so sorgten wir schon wieder für reichlich Aufsehen. Als sensible Menschen war uns das irgendwann zu viel und so trainierten auch wir Paula früh zum selbstständigen Laufen. 

Last’n’rad

Heutzutage ist die Menschheit wieder einen Schritt weiter. Diese neuen Lastenräder mit Elektromotor sind wirklich faszinierend. Man guckt einem solchen Gefährt noch lange staunend hinterher, wenn man das Glück hatte, nicht von ihm erfasst worden zu sein. Hier, im Wald, hatte man sich ja eigentlich auf ein anderes, beschauliches Tempo eingestellt. Auf Waldbaden, Kontemplation, dem Vogelgezwitscher lauschen, dann wirkt so ein vorbeirauschender, elektrisch angetriebener Kasten auf zwei Rädern einfach sehr intensiv. Na klar, weniger schlimm als ein 32-Tonnen-Sattelschlepper. Auch die Begegnung mit einem Kreuzfahrtschiff oder einem Passagierflugzeug hätte sich wahrscheinlich schlechter angefühlt. Dann weiche ich natürlich lieber diesen vergleichsweise umweltfreundlichen und von mir selbst mit meinen Steuern geförderten Fortbewegungsmitteln aus. Nein, ich will mich nicht beschweren, schließlich bin ich knapp mit dem Leben davon gekommen und auch meine achtjährige Tochter auf ihrem lächerlich untermotorisierten Kinderfahrrad hat ja überlebt. Wie ich vor ein paar Tagen gehört habe, soll es derzeit bei den Lieferungen von Lastenrädern (werden diese eigentlich mit anderen Lastenrädern geliefert…?), wie bei vielen anderen Konsumgütern auch, lange Wartezeiten geben. Das lässt mich hoffen, doch noch meine statistische Lebenserwartung zu erreichen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich auch ganz gerne so ein schickes und praktisches Fahrzeug besitzen würde. Was man damit alles transportieren könnte!

Ganz kleines Kino

Vom Löwen zur Kobra

Das hätte ich nicht gedacht, dass sich die „Höhle der Löwen“ mal zu einer derart emotionalen Show mausern würde. Gestern war das Staffelfinale der 10. Staffel, die 100. Sendung. Und ich war dabei! Vor meinem TV-Bildschirm natürlich. Wirklich berührt haben mich die beiden Gründerinnen der „Talking Hands“, und das nicht nur wegen des Inklusionsgedankens, der ihrem Projekt zugrunde liegt. Geflasht hat mich, dass ihre Geschäftsidee auf Daumenkinos basiert. Sie beweisen mit ihren Flipbooks für Kitakinder, dass dieses Medium für diesen Zweck, nämlich den Kindern die wichtigsten Ausdrücke in Gebärdensprache beizubringen, perfekt eingesetzt wird. Allen Apps zum Trotz (sie haben sogar selbst eine programmiert), denn die brauchen immer ein elektronisches Gerät als Plattform und sind damit zu kompliziert für die kleinen Racker.

Ich liebe Daumenkinos! Und das schon fast mein ganzes Leben lang. Dank des Internets konnte ich sogar herausfinden, seit welchem Zeitpunkt genau. Nach der Eingabe einiger rudimentärer Keywords spuckte Google mir aus, dass meine Begegnung mit diesem knuffeligen Medium im Februar 1975 stattfand. Das neue Comicmagazin „Kobra“ startete in Deutschland. Ich hatte gerade Lesen gelernt und meine Mutter dachte sich „Action! Horror! Abenteuer!“ (so der Störer auf der Titelseite), das ist genau das Richtige für meinen Erstklässler. Recht hatte sie, dieser Mix war genau das, was mein kleines, sich gerade entwickelndes Gehirn brauchte. Ich profitiere noch heute davon. (Hier sogar mit Abbildungen von genau dem Bastelbogen aus der „Kobra“.)

Ist Zeit Geld?

Die Dauer eines Daumenkino-Films liegt zwischen einer und zwei Sekunden. Das ist kurz. Wenn man sich allerdings überlegt, dass ein TikTok-Video auch nur maximal 15 Sekunden lang ist, dann scheint heutzutage die Würze umso mehr in der Kürze zu liegen. Der Sound beim Daumenkino im Unterschied zu TikTok ist allerdings immer derselbe („frrrrrr”). 

Ich war vor Jahren mit einem Filmteam in Marokko, um dort einige TV-Spots zu drehen (übrigens auch 15-Sekünder). Jemand aus dem Team erzählte von seinem Steckenpferd als Teilhaber des Berliner Startups „Speedminton“. Das kannte damals noch kein Mensch, und als ich mich später mit meiner Agentur selbstständig machte, wollte ich gerne die Werbemittel für das Produkt entwerfen. Um die drei Gründer für mich zu gewinnen, entwarf und präsentierte ich ihnen ein Daumenkino. Weil das USP des Produkts der spezielle Ball war, der die Ballwechsel im Vergleich zum klassischen Badminton enorm beschleunigte, wollte ich genau das dramatisieren. Ich zeigte in der kurzen Zeit, die man fürs Flippen – oder „Schnurren“ wie es die Kobra nannte – des Büchleins brauchte, einen kompletten Ballwechsel. Das Daumenkino kam gut an, aber Daumenkinos zu produzieren war teuer, und Geld hatten die Berliner Entrepreneurs keines. Das war extrem schade, gab mir aber die Möglichkeit, eine Konkurrenzfirma zu akquirieren: Tamburello. Speedminton und ein paar Nachahmerprodukte haben dennoch mittlerweile unsere Parks erobert, wo man jeden Sommer dabei zuschauen kann, wie die Spieler häufiger den Ball einsammeln als ihn hin- und herzuspielen (das Spiel ist wirklich sehr schnell). Ich stellte fest, dass der Ballwechsel in meinem Daumenkino geradezu eine Langfassung der Realität war, sozusagen der Director’s Cut.

Für die legendäre erste Deutschlandstudie des Berlin-Instituts „Die demografische Zukunft der Nation“ hatte Reiner Klingholz die Idee, eine Animation einer Bevölkerungspyramide auf den rechten Seiten am unteren Rand abzubilden. So sieht man staunend beim „Durchschnurren“ der 100 Seiten, wie sich die Anteile der jeweiligen Altersgruppen im Laufe der Jahre teilweise dramatisch verändern.

Reisen mit Reiser

© Jörg Scholz nach Jean-Marc Reiser

Wurde eigentlich schon die Tatsache wissenschaftlich behandelt, dass sich manche Menschen zwar gewisse Dinge sehr gut merken können, andere dagegen gar nicht? Ist merken gar nicht gleich merken? Bei mir ist es zum Beispiel so, dass ich mir als Kind aus einer Laune heraus das (alt-)griechische Alphabet eingeprägt habe und es immer noch aus dem Eff-Eff aufsagen kann. Oder den Namen des Helden aus einem Karl-May–Roman, den ich nie gelesen habe: Hadschi-Halef-Omar-Ben-Hadschi-Abul-Abbas-Ibn–Hadschi-Dawudh-Al-Gossara (vielleicht wird’s anders geschrieben, aber so habe ich es mir gemerkt). Ich kann mir aber nur sehr wenige Witze merken. Also ist es schon etwas Besonderes, dass ich seit Jahren einen Cartoon des französischen Zeichners Reiser in meinem Kopf spazieren trage. Ein Mensch raucht in der Straßenbahn. Die alte Frau sagt „Wer raucht kriegt Lungenkrebs!“. Der Mann antwortet „Wer nicht raucht kriegt Arschkrebs.“ Gelesen habe ich den mit ca. 20 Jahren in der Satirezeitschrift Titanic.

Das war meine erste Begegnung mit Jean-Marc Reiser. Die letzte war an seinem Grab in Paris im vergangenen Monat. Kurz vor unserem Frankreichurlaub in diesem Sommer habe ich mir zufälligerweise ein Comicalbum von ihm besorgt: „Familie Schlaubuckel macht Urlaub“.

Er hat für Charlie Hebdo gearbeitet, auch schon mal Auftragsarbeiten angenommen, Filmplakate oder Titelseiten von Magazinen gestaltet, aber meistens sein eigenes Ding gemacht, wie man so sagt. Er war sehr politisch und einer der ersten Künstler, die das Thema „Umweltverschmutzung“ in ihren Arbeiten behandelten. In Frankreich ist er bekannt. Als ich auf dem Montparnasse-Friedhof einen anderen Friedhofsbesucher nach seinem Grab fragte, wusste dieser sofort Bescheid „Ah – Reiser!“ und half mir bei der Suche. Das Grab ist schlicht, die Inschrift besteht aus Reisers Unterschrift, bekannt aus seinen Cartoons.

In diesem Jahr wäre er 80 geworden, er wurde aber nur 42. Gestorben ist er nicht an Lungenkrebs, nicht an Arschkrebs, sondern an Knochenkrebs.

Painters Paint

Der Text von „Painters Paint“, aufgeschrieben für mich von Sean O’Hagan

Um ein Haar hätte ich es selbst mal versucht, mit Musik meinen Lebensunterhalt zu verdienen, aber ich habe mich nicht getraut. Jedesmal, wenn ich ein gutes Konzert besuche, werde ich daran erinnert. Ich bin sehr dankbar für die, die sich getraut haben und mir schon viele schöne Momente mit ihrer Musik verschafft haben. Wie wir alle wissen, war das vergangene Jahr wegen des Veranstaltungsverbots für viele Kulturschaffende ein einziger Alptraum. Es ist schon in normalen Zeiten nicht einfach, von der Musik zu leben, in der aktuellen Situation scheint es fast unmöglich. Manche Musiker versuchen es mit Streams, um wenigstens den Kontakt zu den Fans zu halten. Seit über 20 Jahren bin ich Fan der englischen Band High Llamas. Deren Kopf ist Sean O-Hagan und durch einen Zufall hatte ich erfahren, dass er sich eine besondere Sache ausgedacht hat, um ein paar Einnahmen zu generieren. 

Er bietet an, für 50 Pfund den Text eines seiner Songs aufzuschreiben und dazu passende Zeichnungen anzufertigen. Ich habe mir „Painters Paint“ von 1997 ausgesucht, weil ich mit dem Lied einige Erinnerungen verbinde. Das hat super geklappt, Sean hat für mich geschrieben und gezeichnet und wir haben uns sogar für die Zeit „nach Corona“ verabredet. Mal was anderes, als die üblichen Band-Shirts. Danke Sean! Und danke an mich selbst für das schöne Geburtstagsgeschenk! Hier der Song auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=-1V9LIt5U5Q

Der „Lobby Bear“, ein Wortspiel aus dem Song

Tag des Buches

Ich bin in einer katholischen Gegend aufgewachsen, wo der Namenstag eine relativ große Rolle spielte. Mein Namenstag, der Tag des heiligen Georg, ist der 23. April. Ich habe den Tag noch nie gefeiert, meistens sogar vergessen, aber diesmal wollte ich ihn auf eine besondere Art zelebrieren. Ich habe, schon wieder inspiriert von Austin Kleon (der sich wiederum von anderen inspirieren ließ, und die wiederum …), winzig kleine 8-seitige Büchlein, sogenannte „Zines“ für meine Familienmitglieder angefertigt. 

Die Zines haben jeweils acht Seiten und werden aus einem Stück Papier gefaltet (siehe meinen Beitrag hier). Ich habe für meine vier Zines eine DIN-A4 Seite in vier Teile -(jedes also DIN-A6 groß) geteilt. 

Das nächste hier ist für Alva, meine sechsjährige Tochter, die schon ziemlich gut lesen kann und sich für das Ukulelespiel interessiert. 

Kurze Zeit später verblüffte mich Alva mit einem selbstgebastelten und -geschriebenen Buch, das sogar noch viel kleiner war als meins.

Gesundes Zeichnen

Ein „Zine“ vor dem Zusammenfalten … © Malaka Gharib

In einem Blogartikel schreibt die auf Gesundheitsthemen spezialisierte amerikanische Journalistin Malaka Gharib über die positive Wirkung von Kunst auf das Wohlbefinden. Insbesondere Zeichnen wird hier als geradezu therapeutische Maßnahme hervorgehoben. Im vergangenen Jahr hatte ich ja schon über das Big Draw Festival berichtet, dessen Schwerpunkt 2019 das Thema „Zeichnen und mentale Gesundheit“ war. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass einem Zeichnen gut tut. Es hilft dabei, die Gedanken zu sortieren bzw. verhindert ständiges Grübeln über ein Problem. Und kann trotzdem dabei helfen, genau dieses Problem zu lösen. Was mir besonders an Malakas Artikel gefällt, ist ein PDF, das sie zum Download anbietet. Wenn man es auf DIN-A4-Papier ausdruckt und auf eine bestimmte Weise faltet, erhält man ein sogenanntes „Zine“ mit acht Seiten. Malaka fertigt regelmäßig auf ihrem Weg zur Arbeit solche Zines an. In diesem hier geht es darum, wie man sich kreatives Arbeiten zur Gewohnheit macht. Ich kann mich für solche Basteleien total begeistern. Ich habe es schon als Kind geliebt, die Bastelbögen in meinen Lieblingscomics auszuschneiden (das war noch die Zeit, bevor die Teile gestanzt wurden) und zusammenzukleben und so das flache Papier in einen dreidimensionalen Gegenstand zu verwandeln. Im Falle des Zines kommt als zusätzliche Dimension noch die Interaktivität – das Blättern – hinzu. Very cool. Thank you, Malaka Gharib!

… und danach, als 8-seitiges Heft © Malaka Gharib

Jahrzehnt voll

Mein Jahresweiser 2010 bis 2019

Habe ich tatsächlich 3.652 mal mit einem Bleistift eine Kurzfassung meines Vortages in dieses Buch geschrieben? Auch wenn ich mir das gerade kaum vorstellen kann, war es offensichtlich so, denn seit dem 31. Dezember 2019 ist das Buch voll. Einige wesentliche Dinge in meinem Leben sind vorher passiert (Geburt von Paula und Cordt, Heirat, Hausbau, Geschäftsgründung …), einige aber auch mittendrin (Geburt von Alva, Tod meines Vaters). Es ist weder ein richtiges Tagebuch noch ein richtiger Kalender, eben ein Jahresweiser, was immer das bedeuten mag. Manchmal habe ich tatsächlich nachgelesen, was zum gleichen Datum in den Jahren zuvor passiert war und dann wurden diese Dinge wieder sehr lebendig. Der Jahresweiser hilft dem Gedächtnis gewissermaßen auf die Sprünge. Das können natürlich Fotos auch, aber es ist ja nicht immer angebracht, zu fotografieren (z.B. bei einer Beerdigung). Außerdem wissen die Fotos nicht, wie es im Innern aussieht. Ein bisschen war ich erleichtert, als das Buch endlich voll war, denn es ist auch eine Last, jeden Morgen etwas dort hineinschreiben zu MÜSSEN. Nein, es kann einen natürlich keiner dazu zwingen, aber ich hätte sonst das Gefühl gehabt, etwas Wichtiges unterlassen zu haben. Die ersten Tage im Januar 2020 begannen genau mit diesem Gefühl, dann ließ es nach und so ab 9. Januar fühlte ich mich ungewohnt frei ohne diesen grauen Klotz am Bein. Doch dann, am 10. Januar, ein Geburtstagsgeschenk: der Jahresweiser 2020–2029! Jetzt muss ich die ersten Tage des neuen Jahrzehnts nachtragen, und das ist gar nicht so einfach. Ich habe mir vorgenommen, weniger detailliert zu schreiben und mehr zu zeichnen, denn das macht mehr Spaß. Und nun freue ich mich doch über den neuen grauen Klotz.

1969

Über die erste Mondlandung, die Sesamstraße und den Kugelschreiber Modell 849 habe ich ja schon in diesem Blog geschrieben. Heute, kurz vor Jahresende, will ich noch schnell die anderen prominenten Personen und Dinge würdigen, die in diesem Jahr 50 wurden. Michael Schumacher, Steffi Graf, Oliver Kahn, Markus Lanz, Jennifer Aniston, Marilyn Manson und MC Solaar gehören zu diesem Kreis, doch abgesehen von letzterem hatte keiner der genannten eine besondere Bedeutung in meinem Leben. 

Anders sieht es z.B. mit den Beatles aus. Ich hatte mal einen Bankberater, der meinen Geburtstag auswendig wusste, weil ihm als großer Beatles-Fan die Bedeutung des 10. Januars 1969 bewusst war. An diesem Tag gab es einen Streit zwischen John und Paul oder George verließ das Tonstudio, weil er auf jemand sauer war o.ä. Obwohl ich auch (quasi seit meiner Geburt) ein großer Beatles-Fan bin, habe ich mir diese Details nicht gemerkt, weil ich sie nicht so wichtig finde. Ende Januar 1969 fand das berühmte Konzert der Fab Four auf dem Dach ihrer Plattenfirma statt und ironischerweise war es ein Bankmanager, der die Polizei wegen Ruhestörung alarmierte. 1969 ist außerdem das Album Abbey Road erschienen und John und Yoko haben geheiratet, hätten also 2019 ihr Goldene Hochzeit gefeiert. Wenn sie damals schon in New York wohnten, haben sie vielleicht ihr Geld am weltweit ersten Geldautomaten der Chemical Bank abgehoben. Ganz bestimmt sind John und Yoko hin und wieder mit der Concorde über den großen Teich gejettet, denn diese hatte ihren Jungfernflug im März 1969. Ob sie dabei auch Capri-Sonne (Markteinführung 1969) serviert bekamen, ist jedoch fraglich. Meine Eltern haben sie uns gerne gekauft und auch noch für meine Kinder stand immer eins der Trinktütchen in ihrem Keller bereit, bis mein Vater im Jahr 2010 starb. Er mochte gerne Uhren. Wir haben für seine Trauerfeier sogar ein Lied namens „Großvaters Uhr“ ausgesucht. Apropos: 1969 brachte Seiko die erste Quartzuhr auf den Markt. Natürlich wollten wir als Kinder alle unbedingt so eine (oder eine von Casio o.ä.) haben. Noch ein Kind der End-Sechziger: Das Internet! So sagt man zumindest in Nerd-Kreisen. Ich hatte meinen ersten Kontakt mit dem Internet immerhin 1985 und war auch sonst ein Trendsetter im elektronischen Bereich. Trendsetter im musikalischen Bereich waren David Bowie mit seinem Album Space Oddity (VÖ: 1969), sowie viele der Künstler, die beim legendären Woodstock-Festival aufgetreten sind. Und dabei, genau wie ihre Fans, mit Sicherheit eine Menge von diesen neuartigen Pillen eingeworfen haben, die in jenem Jahr auf den Markt gekommen waren: Tic Tac. Wow, 1969 war echt wild!

Helden der Kindheit

Vor ein paar Tagen bat mich Paula (14) um ein altes schwarzes T-Shirt von mir, weil sie etwas darauf malen wollte. Sie verschwand damit für einige Stunden in ihr Zimmer und kam mit diesem Werk wieder heraus. Ich bin immer wieder überrascht von ihren Ideen und wie toll und professionell sie diese umsetzt. Für mich sind ihre Arbeiten immer wieder auch Inspiration für meine eigene Arbeit. Und ich freue mich sehr, dass ihr das kreative Schaffen so viel Freude bereitet. Für sie ist das Malen und Zeichnen auch eine Art Gegenmittel zum Schulstress und anderen Widrigkeiten des Teenagerlebens.