Ein schlumpfiger Tag im
Brüsseler Comicmuseum

Aller Anfang ist schlumpf

„Excusez-moi: le Rue des Sables?“ Ist der falsche Artikel Schuld oder ist es die falsche Person, die ich anspreche, jedenfalls reagiert der Mann stumm und mit abwehrenden Gesten auf meine höfliche Frage nach dem Weg. Ich gehe weiter, suche nach Hinweisen, Stadtplänen, kompetenten Einheimischen. Als nächstes eine Frau „Excusez-moi Madame …“. „No Francés“ die Antwort. „No problem, English!“ entgegne ich. „Sólo Español!“ bedauert die Dame. „¡No problema! Estoy buscando la calle que se llama Rue des Sables …“ Ich bin ein bisschen stolz, wie ich hier mit drei Fremdsprachen jongliere. So hat sich das abgebrochene Sprachenstudium mal wieder bezahlt gemacht. Immerhin verstehe ich auch die Antwort „No sé, ¡lo siento!“ Im Weggehen gibt die Dame mir noch den Tipp, einfach mein Mobiltelefon zu konsultieren. „No internet.“ rufe ich. Ich habe meine schnellen mobilen Daten bereits im Frankreichurlaub verbraucht. Vor dem Gebäude eines Bildungsinstitutes mit dem passenden Namen „Odissee“ spreche ich einen Wachmann an, und der kann mir helfen, dieses Mal dann doch auf Französisch. Das ist Brüssel, der reinste Schmelztiegel. Mein Ziel heißt sowohl Rue des Sables als auch Zandstraat. Und am Morgen war ich noch im Kölner Sandweg …

Echt schlumpfig hier

Vor dem Comicmuseum angekommen, staune ich zunächst über das schöne Gebäude in einer Umgebung, die mir weniger gut gefällt. Der kleine (ehemalige) botanische Garten eingezwängt zwischen der belgischen Version der Kölner Nord-Süd-Fahrt und anderen Straßen, eine Ansammlung von Hochhäusern, die aussehen, als wären sie gleichzeitig Anfang der 1970er Jahre aus Beton und Asbest hochgezogen worden, leerstehende Schnellrestaurants … Das Herz Europas: na ja. Doch le Centre belge de la bande dessinée: oh là là! Bzw.: het Belgisch Centrum voor het Beeldverhaal: o ja! Das Haus wurde vom berühmten Architekten Victor Horta um 1900 gebaut und in den 1980er Jahren liebevoll restauriert. Im Inneren geht es genau so toll weiter. Ich mag Jugendstil und das hier ist genau mein Ding. Originell finde ich die Straßenlaterne mitten in der Eingangshalle, die ich einem Comic entsprungen wähne. Wie sich herausstellt, war die Laterne bereits 1906 ein Bestandteil des Gebäudes, das für einen Stoffhändler erbaut worden war. Die „lebensgroßen“ Figuren von Tim, Struppi und Käpt’n Haddock in Raumanzügen (aus „Schritte auf dem Mond“ von 1954) steigern die Vorfreude, zum Beispiel auf Originalzeichnungen von Hergé. Sein Foto und eine Büste von Tim wurden prominent am Treppenaufgang zur Ausstellung platziert. Hätte ich die Rezensionen im Internet vorher gelesen, wäre mir die Enttäuschung darüber erspart geblieben, dass Hergé quasi nicht im Museum stattfindet. Offenbar darf hier aus lizenzrechtlichen Gründen keine der Arbeiten des bekanntesten Brüsseler Comiczeichners ausgestellt werden. (Rezensionen vorab lesen kann helfen, kann aber auch dazu führen, dass man bereits eine fremde Meinung im Kopf mitbringt und sich nicht mehr unbefangen einlassen kann.) 12 Euro für Vollwassene ist ein stolzer Preis, aber für schöne Dinge bezahle ich gerne. 

Von Achdé bis Zep

Mit meiner Lesehilfe mit breitem schwarzen Gestell sehe ich ein bisschen aus wie Schlaubi, der Brillenschlumpf. Ohne würde ich alles nur leicht verschwommen sehen. Doch ich bin gerade wegen der Details hier, ich will jeden Strich sehen, auch die ausradierten. Die Ausstellung ist didaktisch aufgebaut (oder chronologisch). Gedruckte Bildergeschichten existieren, seitdem Menschen ein Zeichengerät halten können. Und folgerichtig beginnt die Ausstellung mit Vorläufern der heutigen Comics, beispielsweise illustrierte religiöse Bücher aus Klosterwerkstätten. Danach geht es los mit den „richtigen“ Comics. Relativ viel Raum ist einem gewissen Boerke gewidmet, dem Antihelden des Zeichners Pieter De Poortere. Der plakative Stil gefällt mir, in seiner Heimat kommt Boerke gut an (Boerke ist sein flämischer Name, auf Französisch heißt der Protagonist Dickie, ansonsten muss in den Comics nicht viel übersetzt werden, denn es wird nicht gesprochen). 

Nach dem Boerke-Bereich wird die Herstellung eines Comicalbums vom Konzept übers Storyboard, Bleistiftskizzen, Inking, Colorierung, Lettering usw. dargestellt, mit erklärenden Texten in drei Sprachen (französisch, niederländisch und englisch) und vielen Beispielen aus dem echten Leben. Die Arbeiten stammen von Zeichnern und Zeichnerinnen wie Thierry Cayman, Carine de Brab, Philippe Geluck und natürlich Achdé und Zep. Ihre Comics sind in Belgien Bestseller, hier kennt man sie kaum. Nach den Basics zu Techniken werden die unterschiedlichen Genres dargestellt. In Deutschland denken immer noch viele, dass Comics eine Kunstform nur für Kinder seien (am lustigsten finde ich, dass die „Simpsons“ ursprünglich im sogenannten Kinderprogramm des ZDF gezeigt wurden). Im Comicmuseum wird klar, dass sich nur ein kleiner Teil der publizierten Comicbände explizit an Kinder richtet. Ich persönlich mag gerne kräftige Striche und eine zurückhaltende Farbgebung. Die Stories habe ich gerne lustig und/oder spannend. Die meisten der im Museum ausgestellten Zeichner kenne ich nicht. Bestimmt sind sie in Belgien und in Frankreich berühmt. Aber große Könner sind sie alle. Voller Ehrfurcht betrachte ich die Werke.

Zur Hauptausstellung gehört noch ein Bestandteil, den ich mir fürs Ende aufheben möchte. Das mache ich beim Essen auch immer so, das Leckerste zuletzt. Erst schaue ich mir noch die drei Sonderausstellungen an. In der einen geht es um einen Comic, den Flüchtlingskinder gezeichnet haben. Sie haben darin ihre Erlebnisse verarbeitet, zum Beispiel ein Boot voller dicht gedrängter Menschen auf dem Meer gezeichnet. „Comic“ ist in dem Zusammenhang ein wirklich sehr seltsamer Begriff. Was mir hier bewusst wird ist, dass es sich beim Comic um eine Kunstform handelt, die Kulturen- und Sprachenübergreifend funktionert. Ich kann unmittelbar an dem Gefühl teilhaben, das der Mensch beim Zeichnen empfunden oder verarbeitet hat. 

Gegenüber dieser eher ernsten Ausstellung eine auf den ersten Blick fröhlichere Angelegenheit. Der belgische Zeichner Marc Sleen war einer der produktivste Comiczeichner aller Zeiten. Für seine Comicserie „Nero“ hat er von 1947 bis 2002 täglich zwei Strips angefertigt. Vor dem Raum mit einer Auswahl seiner Werke ist eine Warntafel angebracht. Sleen war nicht ganz unumstritten, für heutige Begriffe war er ganz und gar nicht politisch korrekt. Sein Frauenbild war eher traditionell usw. Ich finde, es ist eine gute Lösung, darauf hinzuweisen, dass der Zeichner nicht gerade Gender Mainstreaming praktizierte und sein Werk dann aber trotzdem zu zeigen. Einem mündigen Bürger (und den Bürgerinnen sowieso) ist durchaus zuzutrauen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Ich habe auch einige Eltern gesehen, die mit ihren Kindern darüber diskutierten. So ist es doch prima. Geradezu süß finde ich eine Art Separée. Einige Zeichnungen in über-Lebensgröße sind durch einen schwarzen Vorhang und eine weitere Warntafel gesichert. Hier wird darauf hingewiesen, dass sich hinter dem Vorhang Darstellungen von Nacktheit befinden. Das macht nicht nur die anwesenden Kinder besonders neugierig (die danach auch besonders enttäuscht sind), auch ich will sofort sehen, was sich dahinter verbirgt. Das ist jetzt auch nicht unbedingt mein Geschmack, aber in Zeiten, in denen Pornoseiten unter den Top 10 der meistebesuchten Websites zählen, wirklich erstaunlich. Die Zeichnung einer nackten Frau, die dasteht und Pfeife raucht. Ich zeichne es mal eben am Bildschirm nach:

© Jörg Scholz

Die letzte Sonderausstellung überfordert mich etwas. Comics aus dem Louvre bzw. über den Louvre. Da flitze ich nur noch durch. Enki Bilal hat die Geister des Louvre gezeichnet, ein anderer Zeichner eine Graphic Novel, in der es um gefälschte Kunst geht und die im Louvre spielt, verschiedene Interpretationen der Mona Lisa im Stil diverser Zeichner usw. Das ist bestimmt interessant, gut gezeichnet sowieso, aber ich habe jetzt schon zuviel gesehen. Und ich brauche noch ein bisschen Energie, um dem Höhepunkt meines Museumsbesuches die nötige Aufmerksamkeit schenken zu können.

Jetzt schlumpfts endlich!

Schon in der zentralen Halle des 2. Obergeschosses (das Museum geht über drei Etagen) hängen sie prominent an einer Wand: die Schlümpfe. Das monumentale Kunstwerk gefällt mir, es ist schätzungsweise 10 Meter breit und 3 Meter hoch und zeigt Porträts aller 100 Schlümpfe. Und weil sich die meisten Schlümpfe sehr ähnlich sehen, handelt es sich auch um exakt die gleichen Porträts. Dazwischen dann die speziellen Schlümpfe wie Papa Schlumpf, Schlumpfine, Beauty, Clumsy, Handy, Schlaubi oder Torti. Die Dauerausstellung zu den Schlümpfen, bzw. Peyo, ist sehr schön gemacht. Man erfährt, dass Peyo mit 15 von der Schule abging (was soll ich meinen Kindern nun erzählen…?) und mit 18 seinen ersten Comic in einer Tageszeitung veröffentlichte. Das waren noch Geschichten rund um den Kater „Pussy“. Später kamen Johann und Pfiffikus und die trafen Ende der 50er Jahre auf die Schlümpfe. Seitdem erscheinen mehr oder weniger regelmäßig Comicalben mit neuen Geschichten rund um die blauen Zwerge. In der Ausstellung sind nicht nur Zeichnungen und Filme zu sehen, es gibt auch einige der Requisiten aus den Comics als „echte“ Objekte in Vitrinen zu bestaunen, z.B. der Käfig, in den Gargamel die gefangenen Schlümpfe einsperrt (und aus dem sie sich immer wieder befreien können), ein Klavier, das aus einem Baumstamm gefertigt wurde und andere Musikinstrumente. Wie Peyo befand, der leider im Jahr 1992 schon mit 64 Jahren starb, waren seine Geschichten nicht (allein) für Kinder gedacht, sondern „echte“ Literatur mit einem tieferen Sinn und viel Humor. „Der Finanzschlumpf“ ist eine gekonnte Parabel auf unser kapitalistisches System (und wie im richtigen Leben scheitert es bei den Schlümpfen …). „Die Schlümpfe und die Zauberflöte“ war der erste Film, den ich im Kino sah. Die Schlumpfgeschichten, zum Beispiel „Der Juwelenschlumpf“, „Schlumpfsuppe“ oder „Der wilde Schlumpf“, habe ich meinen Kindern vorgelesen und die Lautmalereien, z.B. „Bumms“ oder „Rumms“ oder „Peng“ hat immer mein damals kleiner Sohn übernommen. Neben den Schlümpfen und Johann und Pfiffikus ist Benni Bärenstark eine Serie mit viel Charme, die der Zeichner hinterließ.

Als Abschluss habe ich die Wahl zwischen einem Besuch der Brasserie „Horta“, dem Comicladen oder einem Besuch der Comicbibliothek (alle drei im Erdgeschoss). Ich verzichte auf Essen und besuche kurz den Laden, bevor ich mich in der (gut besuchten) Bibliothek in ein paar Bücher vertiefe. Es gibt auch ein paar Fächer mit deutschsprachigen Ausgaben, zum Beispiel von der Graphic Novel „Yasmina und die Kartoffelkrise“ von Wauter Mannaert, und in dieser Ecke begegne ich dann doch noch mal Hergé. Es sind alle Bände von Tim und Struppi da, die ich aber auch schon alle gelesen habe. Ganz genau schaue ich mir „Tim und die Alpha-Kunst“ an, das letzte, rätselhafte, unvollendete Werk des Zeichners. Hergé wollte seine letzte Comicgeschichte Seite für Seite entwickeln, so, wie er es auch am Anfang seiner Karriere getan hatte. Er wusste also nicht, wohin ihn seine Geschichten führt. Und so weiß keiner ganz genau, worum es bei der Alphakunst überhaupt gehen sollte. Was mir am Ende klar wird, wenn ich die groben Skizzen des weltbekannten Künstlers betrachte: Auch er hat nur mit Wasser gekocht, auch bei ihm ist letztlich alles aus Kritzeleien entstanden. Das ist doch ein schöner Trost und eine prima Motivation!

Ratespiel: Zwei ähnliche Scribbles. Welches stammt wohl von Hergé?