Kinder unterwegs – gestern und heute

1975

2022

© Jörg Scholz 2022

Meine eigene Kindheit 

Meine Eltern haben mich selbstverständlich nie in einem Tragetuch getragen (auch nicht als Baby) und nie im Kindersitz auf dem Fahrrad transportiert. Ich sollte früh selbst laufen, was man damals mit einem Hilfsmittel namens „Gehfrei“ beschleunigen wollte. Ich wurde geboren, bin ein bisschen durch meine Geburtsstadt Grevenbroich gerobbt, ein paar Tage gekrabbelt und dann ging es schon auf meinen eigenen zwei Füßen los. Wenn ich von meinen Eltern irgendwohin gebracht werden musste (zum Beispiel zum Dorfarzt Dr. Zerhak), dann geschah das mit unserem grauen Ford 20 m, und meistens rauchten sie dabei. Zur Schule haben sie mich nie begleitet, abgesehen von meinem allerersten Schultag, da bin ich zusammen mit meinem Vater gelaufen. Vielleicht wollte ich das alles genau so. Vielleicht musste es auch sein, aus Zeit- oder Geldmangel. Bei meinem Vater, der in den 1930er Jahren im damaligen Schlesien aufwuchs, soll es so gewesen sein, dass seine Mutter ihre 11 Kinder nebenbei bei der Feldarbeit bekommen hat (sie hatten einen Bauernhof) und die Neugeborenen quasi sofort mithelfen mussten. Das prägt natürlich. Doch zum Glück hatte sich mein Vater eine gewisse Sanftheit bewahrt. Ursprünglich hatten meine Eltern es so geplant, dass ich immer weiter laufen sollte, aber ich machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Ich lieh mir das Fahrrad von einem Nachbarsjungen und lernte Radfahren. Dann konnte ich das, übte Druck auf meine Eltern aus und bekam tatsächlich einen eigenen Drahtesel, wie man das Zweirad damals liebevoll nannte. Der war gebraucht, aber er fuhr. Und so fuhr ich überallhin, tat, was zu tun war und bekam eines Tages eigene Kinder.

Das Tragetuch als Ausdruck von Männlichkeit

Paula wurde 2005 geboren. Wir hatten einen Oldtimer-Kinderwagen ersteigert, der richtig gut gefedert war, und am Anfang schoben wir Paula damit den ganzen Tag lang kreuz und quer durch Köln. Immer wieder wurden wir auf den Wagen angesprochen, z.B. ob er „original retro“ sei. Das hat uns bald genervt. Wir wollten aber lieb und entspannt sein, wenn wir mit unserer ersten Tochter unterwegs waren, sodass wir uns etwas anderes einfallen lassen mussten. Einer dieser schicken Boogaboos kam aus Budgetgründen nicht in Frage, einen billigen Wagen wollten wir aber auch nicht. Und so überraschte ich Aline, meine Frau, an ihrem Geburtstag mit einem Babytragetuch. Und nicht nur das: Ich selbst trug Paula daraufhin bei jeder Gelegenheit im Tuch. Das war damals keine Selbstverständlichkeit. Die Kölner Bevölkerung kam damit nicht so gut zurecht. Ältere Damen machten sich zum Beispiel Sorgen, das Kind könne ersticken. Oder der Knoten (den ich eigens in einem Workshop gelernt hatte), würde sich lösen. Und so sorgten wir schon wieder für reichlich Aufsehen. Als sensible Menschen war uns das irgendwann zu viel und so trainierten auch wir Paula früh zum selbstständigen Laufen. 

Last’n’rad

Heutzutage ist die Menschheit wieder einen Schritt weiter. Diese neuen Lastenräder mit Elektromotor sind wirklich faszinierend. Man guckt einem solchen Gefährt noch lange staunend hinterher, wenn man das Glück hatte, nicht von ihm erfasst worden zu sein. Hier, im Wald, hatte man sich ja eigentlich auf ein anderes, beschauliches Tempo eingestellt. Auf Waldbaden, Kontemplation, dem Vogelgezwitscher lauschen, dann wirkt so ein vorbeirauschender, elektrisch angetriebener Kasten auf zwei Rädern einfach sehr intensiv. Na klar, weniger schlimm als ein 32-Tonnen-Sattelschlepper. Auch die Begegnung mit einem Kreuzfahrtschiff oder einem Passagierflugzeug hätte sich wahrscheinlich schlechter angefühlt. Dann weiche ich natürlich lieber diesen vergleichsweise umweltfreundlichen und von mir selbst mit meinen Steuern geförderten Fortbewegungsmitteln aus. Nein, ich will mich nicht beschweren, schließlich bin ich knapp mit dem Leben davon gekommen und auch meine achtjährige Tochter auf ihrem lächerlich untermotorisierten Kinderfahrrad hat ja überlebt. Wie ich vor ein paar Tagen gehört habe, soll es derzeit bei den Lieferungen von Lastenrädern (werden diese eigentlich mit anderen Lastenrädern geliefert…?), wie bei vielen anderen Konsumgütern auch, lange Wartezeiten geben. Das lässt mich hoffen, doch noch meine statistische Lebenserwartung zu erreichen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich auch ganz gerne so ein schickes und praktisches Fahrzeug besitzen würde. Was man damit alles transportieren könnte!