Reisen mit Reiser

© Jörg Scholz nach Jean-Marc Reiser

Wurde eigentlich schon die Tatsache wissenschaftlich behandelt, dass sich manche Menschen zwar gewisse Dinge sehr gut merken können, andere dagegen gar nicht? Ist merken gar nicht gleich merken? Bei mir ist es zum Beispiel so, dass ich mir als Kind aus einer Laune heraus das (alt-)griechische Alphabet eingeprägt habe und es immer noch aus dem Eff-Eff aufsagen kann. Oder den Namen des Helden aus einem Karl-May–Roman, den ich nie gelesen habe: Hadschi-Halef-Omar-Ben-Hadschi-Abul-Abbas-Ibn–Hadschi-Dawudh-Al-Gossara (vielleicht wird’s anders geschrieben, aber so habe ich es mir gemerkt). Ich kann mir aber nur sehr wenige Witze merken. Also ist es schon etwas Besonderes, dass ich seit Jahren einen Cartoon des französischen Zeichners Reiser in meinem Kopf spazieren trage. Ein Mensch raucht in der Straßenbahn. Die alte Frau sagt „Wer raucht kriegt Lungenkrebs!“. Der Mann antwortet „Wer nicht raucht kriegt Arschkrebs.“ Gelesen habe ich den mit ca. 20 Jahren in der Satirezeitschrift Titanic.

Das war meine erste Begegnung mit Jean-Marc Reiser. Die letzte war an seinem Grab in Paris im vergangenen Monat. Kurz vor unserem Frankreichurlaub in diesem Sommer habe ich mir zufälligerweise ein Comicalbum von ihm besorgt: „Familie Schlaubuckel macht Urlaub“.

Er hat für Charlie Hebdo gearbeitet, auch schon mal Auftragsarbeiten angenommen, Filmplakate oder Titelseiten von Magazinen gestaltet, aber meistens sein eigenes Ding gemacht, wie man so sagt. Er war sehr politisch und einer der ersten Künstler, die das Thema „Umweltverschmutzung“ in ihren Arbeiten behandelten. In Frankreich ist er bekannt. Als ich auf dem Montparnasse-Friedhof einen anderen Friedhofsbesucher nach seinem Grab fragte, wusste dieser sofort Bescheid „Ah – Reiser!“ und half mir bei der Suche. Das Grab ist schlicht, die Inschrift besteht aus Reisers Unterschrift, bekannt aus seinen Cartoons.

In diesem Jahr wäre er 80 geworden, er wurde aber nur 42. Gestorben ist er nicht an Lungenkrebs, nicht an Arschkrebs, sondern an Knochenkrebs.